03.11.2017  2. Handball-Bundesliga

Lübeck-Coach Greve: Stuttgart als Vorbild fürs "Projekt 2020"

Torge Greve, Cheftrainer des VfL Lübeck-Schwartau, spricht im Interview über die Hintergründe für die Namensänderung in der Sommerpause und verrät, dass er die Lokal-Derbys in der 2. Handball-Bundesliga vermisst.

Seit dem Sommer firmiert der frühere "VfL Bad Schwartau" als "VfL Lübeck-Schwartau" – das markanteste von vielen Zeichen dafür, dass in der Marmeladenstadt mit jahrzehntelanger Handball-Tradition gerade ein großer Umbruch stattfindet. Auch sportlich entwickelt sich das Team von Cheftrainer Torge Greve, der seit fünf Jahren den Kurs vorgibt und in seiner aktiven Karriere für den Lokalrivalen TSV Altenholz selbst in über 700 Zweitligaspielen mehr als 1500 Tore erzielte, stetig weiter: Auf Rang 13 in der Saison 2015/16 folgte in der Vorsaison der sechste Tabellenplatz in der Endabrechnung. In der neuen Spielzeit mischt der VfL endgültig ganz vorne mit, kassierte in den ersten zehn Saisonspielen erst eine Niederlage und steht hinter dem ungeschlagenen Liga-Primus Bergischer HC auf dem zweiten Aufstiegsplatz.

Im Interview erklärt Greve die Hintergründe für die Namensänderung in der Sommerpause und verrät, warum er sich den Aufstieg seines Ex-Klubs Altenholz in die 2. Handball-Bundesliga wünscht.

Herr Greve, zehn Spiele, 17 Punkte, Tabellenplatz zwei – wie erklären Sie sich Ihren Blitzstart?

Torge Greve: Das Heimspiel gegen Coburg, war gleich eine Initialzündung. Man kommt wie alle anderen Mannschaften aus der Pause, weiß nicht genau, wo man steht – und dann schlägt man im ersten Spiel den Bundesliga-Absteiger. Das hat uns gleich zum Auftakt einen richtigen Schub gegeben. Danach sind wir in den richtigen Flow gekommen und haben Woche für Woche Top-Leistungen abgerufen.

Wo liegen die Stärken Ihrer Mannschaft?

Greve: Wir spielen aus einer sehr stabilen und flexiblen Abwehr heraus. Das ist derzeit unser großes Plus. Aber auch im Spiel nach vorne haben wir uns verbessert. Nichtsdestotrotz sehe ich als Trainer natürlich noch überall Verbesserungspotenzial. Vor allem, was das Spieltempo angeht, können wir uns noch steigern. Aber ich sehe uns auf einem guten Weg.

Am Freitag haben Sie die DJK Rimpar Wölfe zu Gast (im LIVETICKER) – eine ernsthafte Gefahr für Ihre weiße Heim-Weste?

Greve: Für uns kommen jetzt die Wochen der Wahrheit. Bis zur Winterpause stehen fast nur noch Spiele gegen Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte an. Erst danach werden wir sehen, wie gut wir wirklich sind. Am Freitag geht es gegen Rimpar schon damit los. Auf das Heimspiel gegen die Wölfe freue ich mich besonders, denn das sind immer heiße Duelle. Rimpar ist eine spielerisch starke Mannschaft, aber ich denke, dass wir gerade zu Hause immer mit breiter Brust auftreten können.

Und mit dieser breiten Brust soll es dann perspektivisch eine Liga höher gehen?

Greve: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2020 an der Tür zur DKB Handball-Bundesliga anzuklopfen. Im Moment geht es aber vorrangig darum, dass wir unsere Strukturen weiter festigen. Die Namensänderung auf ‚VfL Lübeck-Schwartau‘ ist noch ganz frisch, war aber schon ein großer Schritt in die richtige Richtung. Jetzt müssen wir organisch weiter wachsen. Die Entwicklung in Stuttgart ist für uns dabei durchaus ein gutes Beispiel.

Welche Intention verfolgten Sie mit der Namensänderung im Sommer genau? Der ‚VfL Bad Schwartau‘ war doch ein stehender und traditionsreicher Begriff im deutschen Handball.

Greve: Man wird sich an den neuen Namen gewöhnen müssen. Wir haben es schon getan. Wir wollen uns der Region Lübeck dadurch weiter öffnen. Lübeck ist ein Großraum, auch wirtschaftlich, und  für diesen wollen wir stehen. Wir arbeiten alle gemeinsam an einem großen Projekt – und dafür wollen wir alle Handballbegeisterten hinter uns bringen und brauchen auch die wirtschaftliche Unterstützung aus der Region. Zumal der Schritt, Lübeck mit in den Namen aufzunehmen, ja nicht aus der Luft gegriffen ist. Wir spielen seit Jahren in der Hansehalle. Die steht nun mal in Lübeck. Wir sind also ohnehin schon in der Stadt vertreten.

Belastet die ruhmreiche Vergangenheit mit einem DHB-Pokalsieg und vielen Jahren in der stärksten Liga der Welt bei den neuen Zielsetzungen eher?

Greve: Nein, die Tradition ist für uns kein Hemmschuh. Aber auch wenn die früheren Erfolge großartig waren, sollten wir nicht in der Vergangenheit leben, sondern nach vorne blicken. In den letzten Jahren hat sich hier ohnehin vieles, was das Personal und die Rahmenbedingungen angeht, erneuert. Wir arbeiten alle sehr dynamisch, haben ein großes Ziel vor Augen. Das ist auch notwendig, denn die Konkurrenz schläft nicht. Die anderen Vereine entwickeln sich stetig weiter. Da müssen wir sportlich und wirtschaftlich mithalten.

Hinter dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt hat sich im Norden eine Lücke aufgetan. Ist es auch ein strategisches Ziel, diese langfristig zu füllen?

Greve: Wir verstehen uns durchaus jetzt schon als dritte Kraft im Norden, schlicht und ergreifend, weil wir hinter Kiel und Flensburg das einzige verbliebene Team aus Schleswig-Holstein im Profi-Handball sind. Und ganz ehrlich: Diese Entwicklung finde ich äußerst schade. In der 2. Handball-Bundesliga sind wir spätestens seit dem Abstieg von Empor Rostock allein auf weiter Flur. Deswegen hoffen wir auch, dass vielleicht Altenholz oder der HSV den Sprung nach oben schaffen, damit der Norden wieder besser vertreten ist.

Ihnen gehen die Lokal-Rivalitäten ab?

Greve: Derbys machen nun einmal das Salz in der Suppe aus. Aber mehr Konkurrenz in der Region hätte auch einen ganz schlichten organisatorischen Vorteil: Je länger die Auswärtsfahrten sind, umso aufwändiger werden sie. Die 2. Handball-Bundesliga ist aber ohnehin schon ein hoher Aufwand. Deswegen würden wir uns über ein paar Derbys mehr auf jeden Fall freuen.

Wirken sich die fehlenden Lokal-Duelle auch auf das Zuschauerinteresse aus?

Greve: Nein, das Publikumsinteresse ist ungebrochen. Im Zuschauerranking liegen wir jedes Jahr unter den Top 5 – und landen auch nur deswegen nicht noch weiter vorne, weil die Halle schlichtweg irgendwann an ihre Kapazitätsgrenze stößt. Wir haben nicht die Möglichkeit, wie zum Beispiel Nordhorn, für Topspiele in eine andere Halle auszuweichen, wo plötzlich Platz für 3500 Zuschauer ist, auch wenn das schon einmal ganz schön wäre. Nichtsdestotrotz: Für viele eingefleischte Handballfans ist und bleibt der VfL Lübeck-Schwartau eine Herzensangelegenheit. Und ich denke, dass meine Jungs diesen treuen Fans mit gutem Handball weiter viele Gründe geben, in die Halle zu kommen.

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