28.06.2017  DKB Handball-Bundesliga

Andreas „Der Hexer“ Thiel: „Die Frauen verhauen sich nicht so wie die Männer“

Kaum einer kennt sich sowohl im Männer- als auch im Frauenhandball so gut aus wie Andreas Thiel. Der legendäre ehemalige Torhüter der deutschen Nationalmannschaft ist inzwischen sowohl als Justiziar der DKB Handball-Bundesliga wie auch als Torwarttrainer bei den Handballerinnen von Bayer Leverkusen tätig. Im Interview beleuchtet er die Vorrundengruppe der Ladies bei der Heim-WM (01. bis 17. Dezember), die Stärken von Frauen-Bundestrainer Michael Biegler und zieht einen Vergleich zum Männerhandball.

Herr Thiel, was sagen Sie zur Vorrundengruppe der Ladies, die am 28.Juni in Hamburg ausgelost wurde?

Andreas Thiel: Ich gehe felsenfest davon aus, dass die Ladies sich in dieser Runde durchsetzen werden. Die Gegner der Vorrundengruppe haben nicht die Qualität, die ein Ausscheiden unseres Teams wahrscheinlich machen würde. Serbien, Kamerun und China muss man im eigenen Land schlagen. Bei Vizeweltmeister Holland muss man sehen – die sind gut! Ich sehe Platz zwei als sehr wahrscheinlich an.

Und wie weit kann es insgesamt gehen?

Andreas Thiel: Bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Land kann das Minimalziel nur Halbfinale lauten. Ich denke, das ist auch nicht unrealistisch. Natürlich kann in einem KO-Spiel immer mal was schief gehen. Der Ball springt an den Innenpfosten und wieder raus statt rein - und schwupp, bist du ausgeschieden. Die Ladies sind aber mittlerweile so stabil, dass ich ihnen das Halbfinale zutraue.

 

Worauf lässt sich diese Stabilität zurückführen?

Die Entwicklung der Frauen-Nationalmannschaft ist zu einem großen Teil dem Trainer zu verdanken. Das hat sich schon bei der EM gezeigt, als wir nur hauchdünn am Halbfinale gescheitert sind. Da hat die Mannschaft schon sehr gut gespielt und sie wird noch besser, da bin ich sicher.

Warum schafft es ausgerechnet Michael Biegler, bei den Ladies so einen Entwicklungsschritt hervorzurufen?

Andreas Thiel: Bieglers Vorteil ist, dass er die Frauen nicht anders als die Männer behandelt. Für ihn ist Handball eben Handball. Die  erfolgsentscheidenden Faktoren sind die gleichen. Eine stabile Abwehr, eine gute Chancenverwertung und wenige technische Fehler im Angriff.

Wo liegen die Stärken dieser Mannschaft und wo muss sie noch einen Schritt nach vorne machen?

Andreas Thiel: Die Stärken liegen im Tor und in der Abwehr. Woran die Ladies noch arbeiten müssen, und da bin ich gespannt, ob das bei der WM hinhaut, ist die Chancenverwertung. Die war schon immer das Manko. Die Ladies haben schon viele gute Spiele gemacht, aber das Ding ging einfach nicht rein.

Sie kennen sich im Frauen- und im Männerhandball bestens aus. Wo sehen Sie Parallelen, wo Unterschiede?

Andreas Thiel: Die spielerische Qualität bei den Spitzenmannschaften der Frauen, ich denke da zum Beispiel an Norwegen, ist schon außergewöhnlich hoch. Das Spiel ist aber nicht so intensiv wie bei den Männern – die Frauen verhauen sich nicht so wie die Männer.

Hand aufs Herz, wie oft schauen Sie sich ein Frauenhandballspiel an?

Andreas Thiel: Während der Saison mindestens ein Spiel pro Woche, da ich in Leverkusen bei den Heimspielen mit auf der Bank sitze. Ab und zu schaue ich mir aber auch Spiele der 2. Mannschaft oder der A-Jugend an. Und beim Final Four der Frauen in Bietigheim-Bissingen war ich live vor Ort.

Welche Erwartungen haben Sie insgesamt an die Weltmeisterschaft? Wird sie simply wunderbar, wie es der offizielle Slogan propagiert?

Andreas Thiel: Die WM kann die Wertigkeit des Frauenhandballs deutlich stärken, aber dafür brauchen wir eine erfolgreiche Nationalmannschaft. Die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für die WM hängt ausschließlich vom Ergebnis der Ladies ab. Wenn sie das Halbfinale in Hamburg erreichen ist alles gut.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Andreas Thiel, Jahrgang 1960, war einer der besten deutschen Handballer. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Reflexe trug Thiel den Beinamen „Der Hexer“. In seiner Karriere parierte er 430 Siebenmeterwürfe. Thiel, geboren in Lünen, war aktiv bei Alemannia Aachen, TV Hochdorf, VfL Gummersbach, TSV Bayer Dormagen und SG Flensburg-Handewitt. Er bestritt 528 Bundesligaspiele und ist mit 256 Spielen für die deutsche Nationalmannschaft der Torhüter mit den meisten Länderspielen. 1984, 1992 und 1996 nahm Thiel an Olympischen Sommerspielen teil. Mit dem VfL Gummersbach wurde Thiel fünfmal Meister, dreimal Pokalsieger, zweimal Europapokalsieger. Siebenmal wurde er zum Handballer des Jahres gewählt. Heute ist Thiel u. a. Torwarttrainer bei den Handballerinnen von TSV 04 Bayer Leverkusen. Er trainierte überdies für den DHB unter anderem Nationaltorhüterin Clara Woltering. Der dreifache Vater ist Rechtsanwalt in Köln und Justitiar der Handball-Bundesliga GmbH.

Foto: Klahn

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