15.11.2017  2. Handball-Bundesliga

Bepplers Talent-Report: Der Balance-Akt zwischen Profi-Karriere und Abi

In seiner Kolumne zur 2. Handball-Bundesliga gibt der zukünftige Nachwuchs-Bundestrainer, Jochen Beppler, Einblicke in die Talentförderung beim DHB und spricht über die größten Hoffnungsträger im deutschen Handball.

Liebe Handballfans,

die 2. Handball-Bundesliga ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung unserer künftigen Top-Spieler. Nur ein Beispiel: Ein riesen Talent wie Franz Semper, der definitiv Potenzial für die A-Nationalmannschaft hat, sollte im Vorjahr erst einmal Erfahrungen in der 2. Liga in Dessau sammeln, bevor er beim SC DHfK Leipzig voll angreift. In seinem konkreten Fall ging die Entwicklung dann schneller als erwartet, sodass er für den DRHV gar nicht so oft zum Einsatz kam wie geplant. Aber dieser Weg macht grundsätzlich Schule.

Für Junioren-Nationalspieler wie Yannick Fraatz (18, HSG Nordhorn-Lingen), Dimitri Ignatow (18), Fin Backs (19, beide Eintracht Hildesheim) oder auch den A-Jugendlichen Alexander Weck (17, Bergischer HC) ist die Liga die perfekte Umgebung, um Trainings- und Wettkampfpraxis zu sammeln. Durch die enorme Ausgeglichenheit zwischen den Teams und den dichten Spielplan mit 38 Spielen eignen sich die Talente schon früh eine große Wettkampfhärte an und lernen mit Drucksituationen umzugehen, was später für internationale Turniere nur hilfreich sein kann. Jede Woche müssen die Spieler an die Leistungsgrenze gehen, um mit ihren Teams zu punkten, und um selbst an Einsatzzeiten zu kommen.

Andererseits wissen sie, dass jeder Gegner schlagbar ist und dürfen sich deswegen auf Erfolgen nicht lange ausruhen beziehungsweise dürfen Niederlagen nicht zu lange mit sich herumschleppen. Diese Erfahrungen helfen für internationale  Turniere ebenfalls ungemein, wenn zum Beispiel bei einer EM im Zweitagesrhythmus gespielt wird und es in einer Vorrunde darum geht, so viele Punkte wie möglich mit in die Hauptrunde zu nehmen.

Für den letzten Schritt in Richtung A-Nationalmannschaft sind dann natürlich Erfahrungen in der DKB Handball-Bundesliga unerlässlich. Aber, das muss man auch ganz realistisch sehen, nicht alle Talente aus den Junioren-Teams werden auch den Sprung in die A-Nationalmannschaft schaffen. Deswegen ist es aus unserer Ausbildungssicht auch ganz wichtig, sicher zu stellen, dass die deutschen Profi-Ligen ihren Status als stärkste Ligen der Welt bei behalten – und zwar vor allem durch junge, gut ausgebildete deutsche Spieler, die in ihren Vereinen zu Leistungsträgern reifen.

Bei all der sportlichen Karriereplanung darf aber nie die schulische Ausbildung aus den Augen verloren werden. Im Gegenteil: Ihr kommt höchste Priorität zu. Sich von klein auf nur auf eine Laufbahn im Sport zu konzentrieren, halte ich nicht für verantwortungsvoll. Wir wollen die duale Karriere unserer Spieler fördern, versuchen bei allen Fördermaßnahmen darauf Rücksicht zu nehmen. Es gibt zum Beispiel feste Hausaufgaben-Zeiten während der Lehrgänge. Gerade wegen der föderalen Bildungsstruktur bedarf es aber auch immer wieder individueller Absprachen mit Schulen und Vereinen. Ein Beispiel: Lukas Stutzke und Eloy Morante Maldonado (beide Bayer Dormagen) waren vor ihrem Mathe-Abi letztes Jahr drei Tage lang bei uns im Lehrgang und sind dann einen Tag vor der Prüfung wieder abgereist. Während des Lehrgangs wohnten beide in Einzelzimmern und es wurden zusätzliche Lernzeiten für sie frei gehalten, damit sie sich in Ruhe vorbereiten konnten.

Vor dieser Organisationsleistung der Spieler und der Unterstützung durch Eltern und Lehrer muss man schon den Hut ziehen. Auf der anderen Seite sind dieser Weitblick und die entsprechende Koordination eben auch als Anforderung für einen künftigen Top-Spieler zu verstehen. Wer Verantwortung für sein Leben übernehmen kann, kann auch auf dem Spielfeld für seinen Verein oder die Nationalmannschaft voran gehen.

Ein gutes Beispiel aus dem Jugend-Bereich ist der schon angesprochene Yannick Fraatz von der HSG Nordhorn-Lingen.  Auf dem Spielfeld zeichnet ihn seine Schnelligkeit, Antizipationsfähigkeit und sein großes Wurfrepertoire aus. Vor allem ist Yannick aber ein unglaublich ehrgeiziger Spieler und Mensch. Er gehört in der DHB-Förderung zum Doppeljahrgang 1998/99 und musste sich quasi erst einmal gegen den älteren Jahrgang durchsetzen. Was aber genauso wichtig ist: Parallel zu seiner erfreulich schnellen Entwicklung in Nordhorn und beim DHB hat er seine schulische Laufbahn konsequent vorangetrieben. Um das alles unter einen Hut zu bringen, braucht es jede Menge Disziplin und Ehrgeiz. Jetzt stehen ihm alle Türen für eine erfolgreiche Karriere offen.

 

Jochen Beppler, 37, übernimmt ab dem 1. Dezember die neu geschaffene Stelle des Chef-Bundestrainers Nachwuchs des Deutschen Handballbundes. Der Hesse steht seit 2015 in Diensten des DHB, war bislang als Chef-Bundestrainer Jugend männlich aktiv. In dieser Funktion gewann er mit dem Team der Jahrgänge 1998 und jünger bei der Europameisterschaft 2016 in Kroatien die Bronzemedaille. Bis 2011 war Beppler Co-Trainer des Bundesligisten HSG Wetzlar und leitete den dortigen DHB-Stützpunkt. Die B-Jugend der HSG führte er 2013 ins Finale der Deutschen Meisterschaft. Mit der Auswahl des Hessischen HV gewann er ein Jahr zuvor den Länderpokal.

 

Foto: IHF- Stéphane Pillaud

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