22.03.2018  2. Handball-Bundesliga

EHV Kaptiän Eric Meinhardt im Interview: Ein Routinier im Abstiegskampf

Eric Meinhardt ist Kapitän, Identifikationsfigur und Fan-Liebling beim EHV Aue. Sein halbes Leben lang trägt der 32-Jährige bereits das Auer Trikot, hat in dieser Zeit einige Abstiegskämpfe erlebt und die meisten davon gewonnen. Der erfahrene Spielmacher analysiert im Interview den ungewöhnlichen Saisonverlauf des EHV, berichtet von der Drucksituation im Abstiegskampf und seiner Funktion als Führungsspieler.

Auch in dieser Saison steckt der EHV im Tabellenkeller fest, hat nach vielen Wochen als Schlusslicht aktuell zwei Punkte Vorsprung auf die rote Zone. Im Interview verrät der Aue-Kapitän, worauf es im Abstiegskampf besonders ankommt, wie er persönlich mit dieser Drucksituation umgeht und warum er sich nach einer schweren Augenverletzung und langer Zwangspause dazu entschieden hat, noch ein Jahr in Aue dranzuhängen.

Herr Meinhardt, der EHV hat eine zweigeteilte Saison hinter sich: Nur zwei Siege bis zum 16. Spieltag, dann aber Ihr Comeback, ein dramatischer Derbysieg gegen Dresden und danach 14 Punkte aus elf Spielen. Was ist vor der Winterpause mit der Mannschaft passiert?

Eric Meinhardt: Es ist schon richtig, dass wir sehr schleppend in die Saison gekommen sind. Das hat natürlich bei allen ein wenig am Selbstvertrauen genagt. Das Spiel gegen Dresden war dann aber so eine Art Dosenöffner, ein Befreiungsschlag. Das hatte gar nicht speziell etwas mit meiner Rückkehr nach der Verletzungspause zu tun. Das war nur ein schöner Nebeneffekt. Vielleicht hat es etwas den Druck von den Schultern genommen, dass der Kapitän wieder an Bord war. Mehr nicht.

Was hat der Derbysieg mit der Mannschaft gemacht?

Meinhardt: Mit so einem Sieg in letzter Sekunde, der vielleicht noch nicht einmal ganz verdient war, kommt das Selbstvertrauen, die Lockerheit wieder zurück. Die Folge war ein goldener Dezember, wie wir ihn teamintern genannt haben (lacht). Dazu kam, dass uns in dieser Phase auch Alexander Koke kurzfristig unterstützt hat. Er hat der Mannschaft mit seiner Erfahrung sehr geholfen. Unter diesen Voraussetzungen wurden die Spiele quasi zu Selbstläufern, zu Hause wie auswärts. Es musste gar nicht so intensiv und hart trainiert werden. Wir haben einfach versucht, die Welle so lange wie möglich zu reiten. Die Winterpause kam für uns dann fast ein wenig ungelegen.

Trotzdem punktet der EHV auch im neuen Jahr regelmäßig. Zuletzt sprang ein Unentschieden in Emsdetten heraus. Ein gewonnener Punkt?

Meinhardt: Im Vergleich mit den Ergebnissen der Konkurrenten kann man das für den letzten Spieltag so sagen. Die zwei Punkte Vorsprung, die wir momentan auf den ersten Abstiegsplatz haben, nimmt uns keiner. Allerdings haben wir zuvor auch gegen direkte Konkurrenten Punkte liegen lassen, wie bei der Niederlage in Konstanz und beim Unentschieden gegen Wilhelmshaven. Diese drei Punkte können noch weh tun.

Wie schätzen Sie die Situation im Tabellenkeller derzeit ein? Wer muss sich noch Sorgen machen?

Meinhardt: In Aue gehört Abstiegskampf ja quasi zur Tagesordnung. Wir wissen, dass vier Punkte nach vorne oder nach hinten gar nichts sind. Allein an einem Doppelspieltag ist das alles aufzuholen. Dementsprechend ist noch keine Mannschaft weg vom Fenster, gleichzeitig darf sich aber auch bis Platz 11 oder 12 noch niemand sicher sein.

Worauf kommt es im Abstiegskampf an?

Meinhardt: Man muss die Mentalität entwickeln, dass es in jedem Spiel wirklich um etwas geht. Dementsprechend sind für mich die schönsten Spiele diejenigen, in denen es um den Aufstieg oder gegen den Abstieg geht. In diesen Spielen prickelt es. Jeder Spieler hat ein Funkeln in den Augen, brennt darauf, unbedingt zu gewinnen. Und auch bei den Zuschauern in der Halle herrscht dann ein ganz bestimmtes Flair, das ansteckend ist.

Ganz grundsätzlich: Wie nervenzerreibend und belastend ist Abstiegskampf? Wie sehr packt einen die sportliche Situation auch menschlich an?

Meinhardt: Im Idealfall sollte man die Tabellensituation der Mannschaft nicht anmerken. Normalerweise herrscht eine ganz normale, lockere Stimmung. Das muss man sich auch erhalten. Es wäre kontraproduktiv, wenn alle am Montag schon mit schlechter Laune und total verbissen zum Training kommen würden. Erst gegen Ende der Woche, wenn es in die direkte Vorbereitung auf den nächsten Gegner geht, kann die Stimmung schon einmal etwas angespannter werden. Dann ist die Konzentration am höchsten, alle wissen, worum es geht. Ich selbst habe nach 16 Jahren in Aue ja schon eine gewisse Routine im Umgang mit Abstiegskampf und habe gemerkt, dass ich unter der Woche noch relativ entspannt bin, spätestens ab Freitag dann aber mein Fokus komplett auf dem Spiel liegt. Da bin ich dann quasi in meiner eigenen Welt, in der ich schon mal etwas wortkarger werden kann und es mir auch schwer fällt, andere Gedanken zu fassen. Vor allem am Spieltag will ich dann keine große Ablenkung mehr haben.

Fühlen Sie sich als Kapitän besonders in der Pflicht, im Abstiegskampf voranzugehen?

Meinhardt: Auf jeden Fall. Man spürt ja auch, dass es die jüngeren Spieler gerne annehmen, wenn ich als erfahrenerer Spieler ein wenig die Richtung vorgebe. Und das mache ich auch gern. Ich bin niemand, der sich versteckt.

Für den EHV stehen jetzt nacheinander drei Hammerspiele gegen die Aufstiegskandidaten Bergischer HC, VfL Lübeck-Schwartau und SG BBM Bietigheim an. Wie geht man als Tabellen-16. an diese Spiele heran?

Meinhardt: Eigentlich ganz befreit. Das sollten die einfachsten Spiele des Jahres sein. Wir haben nichts zu verlieren. Wir stehen weniger unter Zugzwang, in diesen Spielen die Punkte zu holen, als unsere Gegner. Und die Vergangenheit hat schon öfter gezeigt, dass Aue den besten Handball spielt, wenn wir nicht so unter Druck stehen. Das hat man schon im Hinspiel beim BHC gesehen, als wir nur knapp verloren haben. Und in der Erzgebirgshalle hat sich der BHC schon immer schwer getan, das wissen sie vermutlich auch. Wir werden ihnen auf jeden Fall einen heißen Empfang bereiten. Und das machen wir mit Bietigheim zwei Wochen später genau so.

Während Ihrer Verletzungspause kursierten sogar Gerüchte um Ihr Karriereende. Jetzt haben Sie nochmal um ein Jahr in Aue verlängert. Warum?

Meinhardt: Bis die Verletzung (Bruch des Orbitaboden am Auge, Anm. d. Red.) komplett ausgeheilt ist, hat es neun Monate gedauert. Die Sicherheit nach der abschließenden Untersuchung, dass alles wieder gut zusammengewachsen ist, war für mich aber das Signal, dass es noch nicht zu Ende ist. Die Ärzte haben mir die Freigabe für Handball erteilt, Angst vor dem Vollkontakt hatte ich schnell nicht mehr. So ist der Gedanke in mir entstanden, dass ich die verlorenen neun Monate noch einmal herein holen und ein Jahr weiter machen will.

Sie tragen das Trikot des EHV Aue inzwischen seit 16 Jahren. Was bedeutet Ihnen der Verein?

Meinhardt: Ich wurde vom EHV entdeckt, habe hier als junger Spieler viele Spielanteile bekommen. Das war nicht selbstverständlich. Später hat mir der Verein neben der sportlichen Perspektive auch noch andere berufliche Perspektiven ermöglicht, hat mir Freiheiten für mein Studium eingeräumt. Für all das bin ich sehr dankbar. Inzwischen sind der EHV und ich fast wie Ehepartner, wir wissen, was wir aneinander haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto:EHV Aue

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