28.02.2018  2. Handball-Bundesliga

"Den Blick nach vorne richten"

Seit 2003 steht er als Geschäftsführer an der Spitze der DKB Handball-Bundesliga: Frank Bohmann. Seitdem hat er maßgeblich die professionelle Entwicklung des deutschen Handball-Oberhauses vorangetrieben. Doch der Fokus des 53-jährigen Rheinländers liegt nicht allein auf der Weiterentwicklung der 1. Handball-Bundesliga.

Herr Bohmann, ich treffe Sie heute im Rahmen des Spiels TV Emsdetten vs. Eintracht Hildesheim. Was führt Sie in die Emshalle?
 
Frank Bohmann: Es sind mehrere Gründe. Zum einen möchte ich hier guten Handball sehen. Zudem habe ich mich im Vorfeld des Spiels mit dem neuen Management des TV Emsdetten zusammengesetzt, um uns in Fragen der Lizenzierung auszutauschen. Der TVE stand viele Jahre für wirtschaftliche Solidität. Als der Verein 2013 in die 1. Bundesliga aufstieg, wurde das Prinzip ein wenig verlassen und es wurden finanzielle Risiken eingegangen, um unbedingt die Liga zu halten. An dieser Entwicklung hat man hier lange geknabbert. Auch aktuell befindet sich der TVE noch in wirtschaftlich schwierigem Fahrwasser. Aber die neue Geschäftsführung um Heike Schürkötter und Frank Wiesner hat die aktuelle Situation treffend analysiert und mit kaufmännischer Solidität wird jetzt wieder ein guter Weg beschritten. Sportlich läuft es ja schon länger wieder beim Tabellenführer der ewigen Tabelle der 2. Handball-Bundesliga. Man sieht das klare Konzept von Trainer Daniel Kubeš. Es ist beeindruckend zu sehen, was seit dem Erstligaabstieg sportlich hier aufgebaut wurde. Ich habe heute in Reihen des TVE einige Spieler mit Erstligapotential gesehen, allen voran Yannick Dräger und Jasper Adams. Neben den beruflichen Gründen hat es mich heute auch privat nach Emsdetten geführt. Die Familie meiner Frau stammt aus Emsdetten und wir sind mit Mutter und Tanten abends zum Spiel gegangen.
 
Das Hauptaugenmerk der HBL liegt auf der DKB Handball-Bundesliga als Premiumprodukt. Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang für Sie der Stellenwert der 2. Bundesliga?
 
Frank Bohmann: Es ist nicht so, dass unser gesamter Fokus ausschließlich auf die DKB Handball-Bundesliga gerichtet ist. Für uns ist auch die 2. Bundesliga von enormer Bedeutung und es wird von Seiten der HBL GmbH viel in deren Produktentwicklung investiert. Durch den neuen Fernsehvertrag haben sich in dieser Saison die Medienerlöse für alle Zweitligisten im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht, außerdem bin ich sehr zuversichtlich, dass die 2. Bundesliga durch diesen Medienvertrag bereits in naher Zukunft noch einmal deutlich mehr Medienpräsenz haben wird. Derzeit bieten wir seit einiger Zeit auf unserer Webseite unter anderem zusammenfassende Clips aller Spiele der 2. Bundesliga an. Viele Clubs produzieren und übertragen professionell und mit beachtlichem Erfolg ihre Spiele. Dies ist auch der sportlich hohen Attraktivität dieser Liga geschuldet. Und auch in sportlicher Hinsicht genießt die 2. Bundesliga bei uns einen riesigen Stellenwert, um die Entwicklung des deutschen Handballs insgesamt voranzubringen. Viele der heutigen Nationalspieler haben ihre sportliche Karriere in der 2. Liga begonnen. Für junge Spieler im Alter von 18 bis 19 Jahren ist der Sprung in die 1. Bundesliga häufig schwer zu schaffen. In der 2. Bundesliga sind sie aber konkurrenzfähig und werden dort an höhere Aufgaben herangeführt.
 
Seit 2011 wird die 2. Bundesliga eingleisig geführt, was zu einer deutlichen Professionalisierung der Vereine geführt hat.
 
Frank Bohmann: Damals gab es nicht wenige Kritiker von Seiten der Vereine, die sich mit dieser Entscheidung sehr schwer getan haben. Dass dieser Schritt aber notwendig war, zeigt sich heute. Hätten wir die Zweigleisigkeit beibehalten, wären die Unterschiede zwischen 1. und 2. Bundesliga noch deutlich größer geworden. Auch wenn mit Hüttenberg und Ludwigshafen-Friesenheim aktuell wieder zwei Aufsteiger tief im Tabellenkeller stehen, – was in meinen Augen vor allem an den finanziell beschränkten Möglichkeiten beider Vereine liegt – haben sich doch etliche Aufsteiger in den vergangenen Jahren in der 1. Bundesliga etablieren können. Leipzig und Erlangen sind hervorragende Beispiele, wie so etwas gelingen kann. Es ist bei weitem nicht mehr so, dass die Aufsteiger automatisch im kommenden Jahr wieder den Gang in die Zweitklassigkeit antreten müssen. Und auch in Sachen Zuschauerschnitt gibt es doch eine sehr erfreuliche Entwicklung. Aktuell liegen wir in der 2. Bundesliga bei einem Schnitt von 1700 bis 1800 Zuschauern pro Spiel. Daran wäre bei einer zweigleisigen 2. Liga nicht zu denken gewesen.
 
Auch in der 2. Bundesliga ist der Trend zu beobachten, dass der Handball mehr und mehr den Weg in die Großstädte findet. Seit dieser Saison sind mit den Rhein Vikings und dem HC Elbflorenz Städte wie Düsseldorf und Dresden in der Liga vertreten. Und auch der HSV aus Hamburg steht aktuell vor einer Rückkehr in die Bundesliga. 
 
Frank Bohmann: Handball kommt vom Dorf und aus den kleinen Städten – und ich möchte diese Wurzeln auch nicht missen. Ich bin der Meinung, es kommt auf die richtige Mischung an. Eine große Halle und bessere wirtschaftliche Rahmenmöglichkeiten sorgen ja nicht automatisch dafür, dass es für einen Handballverein sportlich und finanziell in einer Großstadt funktioniert. Oft herrscht dort eine ganz andere Wettbewerbssituation und ein Verein muss sich deutlich stärkerer Konkurrenz aus Sport und Kultur stellen. Es gibt aus der 1. Bundesliga mit Flensburg, Göppingen oder Melsungen doch hervorragende Beispiele, dass es auch in Städten, die nicht das Kriterium 'Großstadt' erfüllen, gelingen kann, Handball auf höchstem Niveau zu präsentieren.
 
Nach dem enttäuschenden Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Kroatien gab es viel Kritik an Christian Prokop. In der vergangenen Woche gab das Präsidium des Deutschen Handballbundes bekannt, am Bundestrainer festhalten zu wollen. Wie sehen Sie aus HBL-Sicht diese Entscheidung?
 
Frank Bohmann: Die Liga ist in ihrem Urteil doch gespalten, es gibt Befürworter und Skeptiker in Reihen der Vereine zur Entscheidung des DHB. Insgesamt betrachtet empfinde ich es als nicht gerecht, die ganze Kritik nach dem schwachen Abschneiden in Kroatien an Christian Prokop festzumachen. Ich halte ihn weiterhin für einen hervorragenden Trainer. Aber klar ist auch, dass bei der EM etliche Fehler gemacht wurden. Aus diesen muss gelernt werden. Gegen Mannschaften, wie Dänemark oder Spanien darf man verlieren, aber eine deutsche Nationalmannschaft muss sich über das gesamte Turnier hin gesehen sportlich anders präsentieren. Bei aller Kritik gilt aber auch zu bedenken, dass bis zum Spanien-Spiel ein Erreichen des Halbfinales möglich war. Dann wäre die kritische Auseinandersetzung gerade in den sozialen Netzwerken wohl eine deutlich andere gewesen. Die Entscheidung des DHB steht – und ich habe große Hoffnung, dass sportliche Erfolge diese Entscheidung bestätigen werden. Es gilt, den Blick nach vorne zu richten und den Weg, der seit 2013 beschritten wurde, fortzusetzen. Die Weltmeisterschaft 2019 im eigenen Land bietet uns dazu eine riesige Chance.    
 
Herr Bohmann, vielen Dank für das Interview.


Das Gespräch führte Max Sander von Handball Backstage.

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