11.05.2017  Intern

6. Trainersymposium der DKB Handball-Bundesliga - Victor vom Kolke: "Anreize für die tägliche Arbeit mitgeben"

Der 11. und 12. Mai steht ganz im Zeichen der Nachwuchsförderung. Im Sportzentrum Kamen-Kaiserau findet das sechste Trainersymposium der DKB Handball-Bundesliga statt. Victor vom Kolke, verantwortlich für den Bereich Sportentwicklung bei der DKB HBL, spricht im Interview über Potenziale, Trends und Erfolge in der Nachwuchsförderung.

Herr vom Kolke, beim sechsten Trainersymposium kommen alle A-Jugendtrainer, U23-Trainer und Nachwuchskoordinatoren der Erst- und Zweitligisten sowie die Landestrainer zusammen. Warum?

Victor vom Kolke: Durch die Zusammenkunft aller verantwortlichen Trainer im Bereich der Anschlussförderung wollen wir die Möglichkeit zum sportlichen wie generellen Austausch ermöglichen. Dieser ist zwar regional gegeben, hier bieten wir aber die Möglichkeit auch neue Kontakte zu knüpfen und Wissen auszutauschen. Neben dem inhaltlichen Mehrwert ist uns besonders der Austauschcharakter wichtig.

Mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten befasst sich das diesjährige Trainersymposium?

Victor vom Kolke: Wir stellen das Trainersymposium immer unter ein Oberthema. In diesem Jahr ist das die Anschlussförderung. Der Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenbereich ist nach wie vor elementar. Wir wollen dazu beitragen, dass die Spitzenspieler im A-Jugendbereich auch in der nationalen Spitze der Bundesliga ankommen.

Und wie ist das zu erreichen?

Victor vom Kolke: Der Trend der letzten Jahre geht eindeutig hin zum individualisierten Training. Die technischen und taktischen, aber insbesondere athletischen Fähigkeiten von A-Jugendlichen reichen im Regelfall noch nicht aus, um direkt den Sprung in den Bundesligakader oder gar zur Nationalmannschaft zu schaffen. Spieler wie Paul Drux bilden da die absolute Ausnahme. Um diesen schwierigen Übergang zu meistern, müssen die Talente in Kleingruppen oder im Einzeltraining individuell gefördert werden. So kann jeder Spieler an seinen spezifischen Stärken und Defiziten arbeiten. In diesem Bereich wollen wir Input geben.

Das Trainersymposium ist ein Bestandteil des Jugendzertifikats, welches die Nachwuchsförderung im deutschen Handball sicherstellt. Was hat es damit auf sich?

Victor vom Kolke: Unser oberstes Ziel ist es, durch die Bundesligavereine deutsche Nachwuchsspieler zu entwickeln, die dann auf Dauer in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft spielen. Dafür müssen wir Strukturen in den Bundesliga-Vereinen schaffen, die sicherstellen, dass Jahr für Jahr deutsche Talente auf höchstem Niveau ausgebildet werden. Das Jugendzertifikat wird daher an Clubs der Handball-Bundesligen vergeben, die für Nachwuchs-Handballer in ihren Leistungszentren entsprechend exzellente Rahmen- und Trainingsbedingungen bieten.

Vier Vereine haben das Jugendzertifikat sogar mit Stern erhalten. Was zeichnet diese Vereine aus?

Victor vom Kolke: Ein ganz wesentlicher Punkt für hochwertige Nachwuchsarbeit sind hauptamtliche Strukturen. Wenn sich der verantwortliche Trainer voll und ganz auf seine Trainertätigkeit konzentrieren kann, erhöht sich die Qualität der Ausbildung, da er sich tiefgründiger und intensiver mit der Materie auseinandersetzen kann. Entscheidend ist zudem, dass die Vereine über leistungssportgerechte Kooperationen mit den Schulen vor Ort sicherstellen, dass ihre Talente beispielsweise auch vormittags trainieren können.

Das Jugendzertifikat wurde 2017 zum zehnten Mal vergeben. Wie nahm es seinen Anfang?

Victor vom Kolke: Strukturell haben wir mit dem Jugendzertifikat 2007 begonnen. Es zeigte sich, dass die „Goldene Generation“ um die Weltmeister von 2007 am Ende ihrer Karriere stand, die nachrückenden Spieler in dieser Qualität und Quantität aber noch nicht vorhanden waren. Daher haben sich Vertreter der Handball-Bundesligen, der sportlichen Expertise des DHB und der Zertifizierungsausschuss in Person von Professor Dr. Klaus Cachay und Klaus Langhoff zusammengesetzt, um Strukturen zu schaffen, die es den Vereinen ermöglichen, exzellente Nachwuchsförderung zu betreiben.

Das klingt nach einer Parallele zum deutschen Fußball, der ebenfalls mit schwierigen Jahren zu kämpfen hatte, jetzt aber wieder von einem großen Pool deutscher Talente profitiert. Ähnlich stellt es sich bei der Handball-Nationalmannschaft dar, oder?

Victor vom Kolke: Diesen Vergleich kann man schon ziehen. Auch im Fußball sind die Özils und Khediras nicht auf Bäumen gewachsen. Der DFB hat mit Hilfe der Bundesligavereine um 2004 angefangen, die Nachwuchsarbeit wieder zu intensivieren und ist 2014 Weltmeister geworden. Wir sind mit dem Jugendzertifikat 2007 an den Start gegangen und 2016 Europameister geworden. Es dauert eben seine Zeit, um in der Nachwuchsförderung Qualität so auszubilden, dass sie wieder titelreif ist. Davon profitieren wir jetzt auch im Handball. Bis auf Carsten Lichtlein, Steffen Weinhold und Holger Glandorf sind alle Spieler, die 2016 Europameister wurden und Bronze bei den Olympischen Spielen geholt haben, in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten ausgebildet worden.

Die kommenden Spielergenerationen werden maßgeblichen von den Trainern ausgebildet, die beim Trainersymposium zusammenkommen. Mit welchen neuen Erkenntnissen sollen sie in ihre Vereine zurückkehren?

Victor vom Kolke: Wir versuchen durch das Trainersymposium neue Impulse zu setzen, die nicht nur sportartspezifisch sind. Daher laden wir zum Beispiel immer einen sportartfremden und einen ausländischen Dozenten ein. Jürgen Wagner, Trainer des Beachvolleyball-Gold-Duos Ludwig/Walkenhorst, gibt Einblicke in das sehr individuell orientierte Training im Beachvolleyball. Frankreichs Junioren-Nationaltrainer Pascal Person wird das französische Abwehrverhalten vorstellen. Für Trainer ist es wichtig, am Puls der Zeit zu arbeiten. Daher wollen wir über das Trainersymposium Anreize für die tägliche Arbeit mitgeben.

Davon sollen am Ende die DKB Handball-Bundesliga und die Nationalmannschaft profitieren. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem DHB?

Victor vom Kolke: Es gibt einen sehr engen Austausch zwischen dem DHB und der HBL. Gerade in der Nachwuchsförderung ziehen wir alle am selben Strang und die Erfolge der letzten Jahre geben uns recht. Natürlich hatte Dagur Sigurdsson einen großen Anteil, entscheidend war aber auch, dass ihm in den Leistungszentren hervorragend ausgebildete Spieler zur Verfügung standen, die die hohen technisch-taktischen Anforderungen des Trainers erfüllen konnten. Wir wollen aber auch weiterhin Talente an die Nationalmannschaft heranführen. Das oberste Ziel bleibt der Olympia-Sieg 2020.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Das Jugendzertifikat: 2007 wurde das Jugendzertifikat als ligaübergreifendes Gütesiegel geschaffen. Einstimmig sprachen sich die Clubs für das anspruchsvolle Vergabeverfahren aus. Seit 2008 wird es an Proficlubs vergeben, die für Nachwuchs-Handballer in ihren Leistungszentren entsprechend exzellente Rahmen- und Trainingsbedingungen bieten. Das Jugendzertifikat setzt voraus, das Nachwuchsspieler in Club und Umfeld möglichst optimale Bedingungen vorfinden, die eine Ausbildung zum Spitzenspieler möglich machen. Im Vergabeverfahren werden Kriterien geprüft, wie z. B. ausgereifte Betreuungs- und Ausbildungskonzepte (Duale Karriere), Qualität des Trainerstabes sowie von Team und Training. Mit der Vergabe für das Jahr 2017 wurde das Zertifikat zum zehnten Mal vergeben.

Der Ausschuss, der das Zertifikat jährlich vergibt, besteht aus Professor Dr. Klaus Cachay (Universität Bielefeld), Klaus Langhoff (Olympiasieger 1980 als Trainer) und Frank Bohmann (Geschäftsführer Handball-Bundesliga GmbH).

Ziel des Jugendzertifikats ist die Sicherung qualitativer und kontinuierlicher Fort- und Weiterentwicklung von Talenten in den Profivereinen. So sollen für deutsche Nachwuchsspieler bestmögliche Vorrausetzungen geschaffen werden, um in ihren Clubs zu Spitzenspielern zu reifen. Vereine, die das Jugendzertifikat nicht vorweisen können, zahlen in einen Fond ein, dessen Mittel Projekten zu Gute kommen, welche die Nachwuchsarbeit im Handballsport allgemein fördern. Diese sind zum Beispiel Trainersymposien, Qualitätsaudits oder weitere zentrale Maßnahmen der Nachwuchs- und Anschlussförderung.

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