07.06.2018  DKB Handball-Bundesliga

Erik Wudtke zur möglichen A-Jugend-Bundesligareform: „Wichtiger als die Struktur sind mir die Motive“

Als vor Wochen der Vorschlag einer Reform der A-Jugend-Bundesliga aufkam, war die Aufregung groß. Im Interview berichtet Erik Wudtke, Jugend-Bundestrainer männlich beim DHB, weshalb über eine Veränderung nachgedacht wird und wo die Vorteile liegen könnten.

Herr Wudtke, wie sieht der Vorschlag zur Reform der A-Jugend-Bundesliga konkret aus?

Erik Wudtke: Die Spieltechnikkommission befindet sich derzeit in einem Prozess, die Struktur der A-Jugend-Bundesliga künftig in einer neuen Konstellation zu gestalten. Aktuell wird in vier Zwölferstaffeln gespielt. Diskutiert wird nun über zwei Zehnerstaffeln mit einer 2. A-Jugend-Bundesliga mit drei Zehnerstaffeln sowie einer B-Jugend-Bundesliga. Ob das nun so kommt oder eine alternative Struktur, ist für mich aber gar nicht so entscheidend. Viel wichtiger als die endgültige Struktur sind mir die Motive.

Und die wären?

Erik Wudtke: In erster Linie geht es darum, die Belastung für A-Jugend-Bundesligaspieler zu reduzieren, um die positiven Effekte gewinnbringend zu nutzen. Wenn wir die Liga verkleinern geht diese auch früher zu Ende und es bleibt mehr Zeit für Regeneration und mehr Zeit für die Schule. So können wir die Talente besser und früher auf den Übergang in den Aktivenbereich vorbereiten. Ein weiteres Motiv könnte die größere Qualität aufgrund einer höheren Leistungsdichte sein. In jedem Falle sollte man über eine Weiterentwicklung der Spielstruktur im Sinne der Athleten nachdenken.

Spielen die Toptalente nicht sowieso schon früh in der 3. und 2. Liga?

Erik Wudtke: Da spricht ja auch erst einmal nichts dagegen, diese Erfahrungen sollen sie ruhig machen. Es zeigt sich im internationalen Vergleich, dass das durchaus positiv ist. Ich bin nur kein Fan davon, wenn man als A-Jugendlicher ständig zwei Wettkämpfe am Wochenende hat oder ausschließlich im Erwachsenenbereich aktiv ist. Die eigentliche Idee im Nachwuchsbereich ist das Messen mit Gleichaltrigen auf gleichem Niveau.

Weniger Belastung bei gleichzeitigem höherem Wettkampfniveau ist ein durchaus erstrebenswertes Ziel. Wie ist dieses zu erreichen?

Erik Wudtke: Ein positiver Effekt der Reduktion der A-Jugend-Bundesliga wäre eine höhere Leistungsdichte. Dadurch wären die Jugendlichen auf höchstem Niveau gefordert und nicht so früh gezwungen, im Aktivenbereich mitzuspielen. Aktuell enden über die Hälfte aller Spiele mit fünf oder mehr Toren Unterschied.

Bei einer Reduktion von zwölf auf zehn Teams würden vier Spiele eingespart. Dafür entstehen durch nur zwei Staffeln aber eventuell auch weitere Reisen. Wie sinkt dadurch merklich die Belastung?

Erik Wudtke: Vier Spiele weniger bedeuten gleichzeitig auch vier ganze Wochen. Das ist eine unglaublich lange Zeit für Regeneration und Schule. Fragen Sie mal zum Beispiel Andy Schmid, der würde sich über vier Wochen mehr Pause sicher sehr freuen.

Natürlich würde man auf der einen Seite mehr Reisekilometer sammeln, die Gegenleistung ist aber ein hochwertigerer Wettkampf. Ich denke, man bekommt so unterm Strich mehr heraus, als man reingesteckt hat.

Aktuell gibt es 48 A-Jugend-Bundesligisten. Sollte es in Zukunft eine Struktur mit zwei Zehnerstaffeln geben, gäbe es nur noch 20. Wie kann erreicht werden, dass sich trotzdem alle Vereine weiterhin dem Leistungssport verschreiben?

Erik Wudtke: Ich glaube nicht, dass dadurch Vereine davon abgehalten werden, Leistungssport zu betreiben. Das Ziel bleibt ja weiterhin, für die eigenen Erwachsenenteams bestmöglich auszubilden. Außerdem stellt sich die Frage, wie wertvoll für A-Jugendliche Spiele gegen Topteams sind, die dann zweistellig verloren werden. Es wird eben stärker differenziert, wodurch man eher gegen Mannschaften auf einem vergleichbaren Niveau antritt – oben wie unten. Das bringt meiner Meinung nach am Ende allen mehr.

Die größten Talente brauchen die besten Trainings- und Wettkampfbedingungen. Wie kann aber eine Konzentration der Leistungsträger auf nur wenige Vereine verhindert werden?

Erik Wudtke: Ich glaube da nicht an einen Exodus. Die Leistungssportstatistiken zeigen, dass die Talente sowieso schon früh in die Leistungssportzentren wechseln. Klar, bei weniger Teams in der Bundesliga verteilen sich die Topspieler auch auf weniger Mannschaften, die besten Spieler wechseln aber auch jetzt schon zu den besten Teams. Außerdem würde die Installation einer B-Jugend-Bundesliga dabei helfen, Spieler eventuell doch länger im Verein zu halten.

Und wie geht es jetzt weiter?

Erik Wudtke: Bei der letzten Landestrainertagung im Mai hatten wir eine lebhafte und konstruktive Diskussion zu dem Thema. Deutschland ist ein heterogenes Handballland. Für manche Landesverbände brächte eine Reform mehr Vorteile, als für andere.

Ähnliche Bedenken gab es in der Vergangenheit schon einmal, als es um die Zusammenlegung der 2. Handball-Bundesligen ging. Es zeigt sich aber, dass es sowohl in den 3. als auch in der 2. Liga zu einem Qualitätsanstieg geführt hat.

Nun gilt es, in den Landesverbänden und Vereinen die Vor- und Nachteile zu besprechen und am Ende die beste Lösung für den Athleten zu finden. Wir haben in der Vergangenheit in der Nachwuchsförderung große Fortschritte durch die Einführung des Jugendzertifikats oder die Leistungssportsichtung des DHB gemacht. In die gleiche Richtung geht auch die Installation von DHB-Talentcoach Carsten Klavehn. Wir wollen weiter Verbesserungen in der Talententwicklung vorantreiben, daher ist es doch völlig legitim darüber nachzudenken, ob man dafür auch am Rädchen Spielstruktur drehen könnte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Linda Peloso/DHB

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