13.05.2019  DKB Handball-Bundesliga

Sieg im Nordderby: Kiel macht die Liga wieder spannend

Was für ein Nachmittag in der Sparkassen-Arena: Niklas Landin war mit 17 Paraden der Mann des Abends! Der THW Kiel hat in einem intensiven, leidenschaftlich geführten Derby das Rennen um die Meisterschaft in der DKB Handball-Bundesliga damit wieder ein bisschen spannender gemacht. Am Ende von 60 hart umkämpften Minuten gewannen die Zebras das 99. Landes-Duell mit 20:18 (11:11) und verkürzten den Rückstand auf den Tabellenführer von der dänischen Grenze auf zwei Minuspunkte.

10.285 Zuschauer in der vollbesetzten Sparkassen-Arena, Medienvertreter aus ganz Deutschland und eine Endspiel-Atmosphäre, wie man sie selbst in Kiel selten erlebt. Und doch blieb vor dem Anpfiff dieser spannungsgeladenen Partie zwischen den beiden Erzrivalen noch Zeit für eine Ehrung: Viktor Szilagyi, Sportlicher Leiter des THW Kiel, überreichte ein Geschenk an  Flensburgs Abwehrchef Tobias Karlsson, der einst seine Bundesliga-Karriere an der Kieler Förde startete und nach zehn Jahren im hohen Norden als Kapitän der SG diese am Saisonende verlassen wird. Umso bedauerlicher, dass Tobias Karlsson die Partie nicht beenden konnte. Im ersten Durchgang musste er verletzt von der Platte, der Intensität in der Flensburger Abwehrreihe tat dies aber keinen Abbruch. Überhaupt dominierten die Defensiven und die Torhüter dieses 99. Landesderby, das am Ende das torärmste seit beinahe 25 Jahren bleiben sollte.

Die Zebras erwischten, angepeitscht von den euphorischen Fans, einen Traumstart in das Prestige-Duell - auch, weil Niklas Landin von Beginn an hellwach war und vor allem das ansonsten so gefürchtete SG-Außenduo sofot nervte. Und auch, weil Duvnjak sofort die Zügel in die Hand nahm, den Ball mit 103 km/h zum 3:1 in die Maschen drosch, dem Niclas Ekberg per Siebenmeter das 4:1 folgen ließ. Doch Flensburg ließ sich auch von Weinholds 5:2 (10.) nicht nachhaltig beeindrucken. Sieben Minuten lang blieb dieser Treffer der letzte des THW – weil die Chancenverwertung auch auf der schwarz-weißen Seite das große Manko war. Svan und Glandorf mit einem Hammer brachten die Gäste beim 6:5 erstmals in Führung. Fortan liefen die Kieler einem Rückstand hinterher, und mussten für jeden ihrer Treffer ganz hart arbeiten. Nach Ekbergs neuerlichem Ausgleich zum 8:8 bekamen die Flensburger Oberwasser. In Unterzahl traf Johannessen zum 10:9 für die SG, Weinhold verzog, und Wanne nutzte die Siebenmeter-Chance zur ersten Flensburger Zwei-Tore-Führung.

Doch es passte zu diesem Tag, dass sich die Zebras schnell wieder fingen, allen Widrigkeiten entgegen arbeiteten. Magnus Landin versenkte zwei Siebenmeter sicher, zwischendurch hielt Bruder Niklas spekakulär gegen Johannessen und Gottfridsson, während vorn der quirlige Miha Zarabec Kreisläufer Hendrik Pekeler fand: 11:10 für den THW Kiel, der in Unterzahl aber noch vor dem Wechsel den Ausgleich kassierte. Nach 30 Minuten war es Zeit zum Durchschnaufen – für die Mannschaften, aber auch für die Zuschauer, die in diesem intensiven Spiel auch kaum Zeit zum Luftholen hatten.

Die Kieler erwischten auch nach Wiederanpfiff den besseren Start: Doch die beiden Ballgewinne verpufften, weil erst Patrick Wiencek und dann Pekeler mit ihren Gegenstößen an Buric scheiterten. Dann aber jagte Weinhold den Ball zum 12:11 in die Maschen - jetzt legte der THW vor, aber Flensburg zog nach. Auch nach dem von Wolff gehaltenen Siebenmeter war Svan der Stimmungsdämpfer. Dann aber explodierte die Arena: Zarabec setzte sich in Unterzahl zum 14:13 durch, Landin hielt mit schnellen Füßen gegen Gottfridsson, und Weinhold fand mit einem genialen No-Look-Pass Pekeler am Kreis, der das 15:13 erzielte (40.). Und nach einer weiteren Landin-Glanztat gegen Glandorf hatten die Zebras die Möglichkeit, mit drei Treffern davonzuziehen. Ekberg scheiterte allerdings mit dem Strafwurf am Außenpfosten.

Und so blieb es dramatisch, umkämpft und unglaublich spannend. Beide Mannschaften gönnten sich kaum Raum, zwangen einander immer wieder ins passive Spiel und sorgten so für zusätzliche Dramatik. Und doch blieb der THW am Drücker: Landin hielt gegen Lauge, und Wiencek schloss per Konter kompromisslos zum 17:15 ab - wenige Sekunden später war die SG wieder dran. Dann passierte einer dieser magischen Derby-Momente: Duvnjak bekam bei drohendem Zeitspiel den letzten Pass zugespielt, zog aus zwölf Metern ab und traf zum 18:16. Neun Minuten vor dem Ende war trotzdem noch nichts entschieden - vier Minuten lang durfte keine der Mannschaften einen Treffer bejubeln, dann sorgte Svan mit dem 17:18 für ein Derby-Finale "Spitz auf Knopf".

Denn die Flensburger standen mehrfach dicht vor dem Ausgleich, was die Zebras mit einer Energieleistung und Landin im Tor zu verhindern wussten. Ein Geniestreich von Zarabec bedeutete das 19:17, die SG reagierte mit einer schnellen Mitte, fand Golla am Kreis - und der seinen Meister im dänischen Weltmeister im THW-Tor. Als Duvnjak 103 Sekunden vor dem Ende den Ball zum 20:17 in den Winkel jagte, schien diese Partie entschieden. Doch noch einmal verkürzten die Flensburger, suchten ihr Heil in einem Kempatrick von Svan auf Jöndal - doch der Pass war zu ungenau für den Norweger. Der Rest war unbeschreiblicher Jubel der weißen Wand mit ihren Zebras: Der THW Kiel hatte das Derby Nummer 99 für sich entschieden und den Rückstand auf Flensburg von vier auf zwei Minuspunkte verringert.

Stimmen zum Spiel

THW-Trainer Alfred Gislason: Das war heute ein sehr gutes Derby, ich werde diese Spiele vermissen. Es war irgendwie ein typisches Derby mit vielen Emotionen, viel Kampf und sehr guten Abwehrreihen. Beide Mannschaften haben sehr gute Chancen ausgelassen. Natürlich ärgere ich mich über die Chancenverwertung, gleichzeitig bin ich aber auch sehr stolz auf meine Mannschaft. Unser Ziel war es, noch ein bisschen Spaß im Kampf um die Meisterschaft zu haben. Jetzt ist dieser kleine Funken Hoffnung da. Wenn wir am Ende mit sechs Minuspunkten nur zweiter werden, dann hat Flensburg die Meisterschaft auch verdient. 

SG-Trainer Maik Machulla: Da ist große Enttäuschung bei uns. Wir haben uns viel ausgerechnet und haben in vielen Bereichen sehr stark agiert. Allerdings sind wir zu oft mit freien Würfen an Niklas Landin gescheitert. Irgendwie war das heute das Derby der ausgelassenen Chancen. Der Sieg für den THW geht in Ordnung, der Ausfall von Tobias Karlsson war aber ein harter Schlag. Positiv war, wie wir diesen kompensiert haben. Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft, mit 20 Gegentoren sollte man in Kiel eigentlich das Spiel gewinnen. Emotionalität, Leidenschaft, eine besonderes Brisanz: Es war sehr beeindruckend, was beide Mannschaften heute gezeigt haben. Und wir sind stolz, dass wir uns in eine Situation gebracht haben, in der wir die Meisterschaft weiter in eigenen Händen halten. Wir wären heute gerne einen größeren Schritt gegangen, nun müssen wir bis zum Ende die ganze Runde drehen.

SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke: Es war ein tolles Derby mit einer Super-Stimmung. Heute hat die Mannschaft gewonnen, die weniger Chancen ausgelassen hat. Wir haben gekämpft bis zum Ende, und ich bin super stolz auf diese neue, frische Mannschaft. Wir haben gezeigt, dass wir hier nicht nur auf Augenhöhe spielen, sondern auch gewinnen können. Jetzt gehen wir die große Runde, wir können stolz darauf sein, dass wir in dieser Situation sind.  

Viktor Szilagyi, Sportlicher Leiter THW Kiel: Im Vorfeld wurden viele Superlative für dieses Spiel bemüht. Und dieses Derby ist diesen gerecht geworden. Es war unglaublich intensiv, Werbung für die Handball-Bundesliga. Wir hatten heute zwei Ziele: Das Spiel gewinnen und die Meisterschaft offen halten. Beides ist uns gelungen. Ein Riesen-Lob geht an unsere Fans, die heute noch ein paar mehr Dezibel draufgepackt haben als sonst schon. Jetzt haben wir mit den AKQUINET EHF Cup Finals die nächste Riesen-Sache vor der Brust. Da geht es um einen Pokal, wir freuen uns auf eine Riesen-Kulisse und das ganze Wochenende.

Statistiken zum Spiel

THW Kiel: N. Landin (1.-60., 17 Paraden), Wolff (1 Siebenmeter, 1/1 Parade); Duvnjak (5), Reinkind, M. Landin (3/2), Firnhaber (n.e.), Weinhold (2), Wiencek (1), Ekberg (4/3), Rahmel, Dahmke, Zarabec (2), Bilyk, Pekeler (3), Nilsson; Trainer: Gislason

SG Flensburg-Handewitt: Buric (1.-60., 13/1 Paraden), Bergerud (1 Siebenmeter, keine Parade); Karlsson, Golla (2), Hald, Glandorf (3), Svan (5), Wanne (2/1), Jeppsson, Jöndal (2/1), Steinhauser, Zachariassen, Johannessen (1), Gottfridsson (2), Lauge (1), Röd; Trainer: Machulla

Schiedsrichter: Lars Geipel / Marcus Helbig

Zeitstrafen: THW: 5 (Ekberg (22.), Duvnjak (29.), Wiencek (36.), Dahmke (42.), Weinhold (60.)) / SG: 4 (Lauge (20.), 2x Hald (3., 42.), Golla (36.))

Siebenmeter: THW: 7/5 (Buric hält Ekberg (11.), Ekberg an den Pfosten (41.)) / SG: 3/2 (Wolff hält Jöndal (36.)

Spielfilm: 1:0, 1:1 (3.), 4:1 (8.), 5:2 (10.), 5:6 (16.), 6:7, 8:8 (20.), 8:10 (21.), 11:10 (27.), 11:11;
12:11 (32.), 13:13, 15:13 (40.), 16:14 (44.), 17:15 (48.), 18:16, 18:17 (55.), 20:17 (59.), 20:18 (59.).

Zuschauer: 10.285 (ausverkauft) (Sparkassen-Arena, Kiel)

Foto: Klahn

Quelle: THW

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